Stein gehört zu den Urmaterial der Menschheit und hat die menschliche Kultur ganz maßgeblich begleitet und beeinflusst!“

Holger Grimm

Bildhauer
*1969

Steinmetzlehre
Gesellenprüfung 
Fachoberschule für Gestaltung in Ludwigshafen 
Studium Bildhauerei und Plastik Uni Mainz
Lehrauftrag Bildhauerei
2006 – 2018 Vorstand im Künstlerbund Speyer 

HOLGER GRIMM: Balance zwischen Kunst und Handwerk​​

Studienarbeiten von Holger Grimm
2000 – 2006

Studienarbeiten von Holger Grimm
2000 – 2006

 Beate Steigner-Kukazki in der Rheinpfalz am 11. Februar 2004

Nichts quietscht und bewegt sich, nichts ist laut und schrill oder etwa bunt. Die Kunst des Speyerer Bildhauers Holger Grimm ist unspektakulär und zurückhaltend — sie muss sehend erarbeitet werden. Größtes Lob ist für ihn, wenn Ausstellungsbesucher ihm mitteilen, wie sie seiner Kunst nahe gekommen sind, wie sie nach anfänglichem Nichtbeachten und Drüberstolpern einen zweiten Versuch wagten, um sich sodann von seinen Arbeiten fesseln zu lassen.  Trotz der zurückhaltenden Ausstrahlung des Materials, betont Grimm, er bleibe ihm treu: seinen Steinen mithin, die er nur selbst in den verschiedenen Steinbrüchen aussucht. Bereits in der gewachsenen Umgebung baut er eine Beziehung auf. Nie könne er sich, so sagt er, unbesehen beispielsweise einen Marmor in Italien bestellen, der ihm ohnehin zu hell und zu glatt ist.  Im Schwarzwald sucht er harten Granit, in Hessen dunklen Diabas und in Franken groben Muschelkalk für seine Arbeit. Und die scheint ihm angeboren. Bereits in der fünften Generation arbeiten die Grimms als Steinmetze. Ursprünglich besaß die Familie einen Steinbruch im Odenwald. Und seinen Urgroßvater Georg verschlug es nach Speyer. Er arbeitete beim Bau der Gedächtniskirche mit und war auch beim Neubau des Altsprachlichen Gymnasiums beteiligt.  Bis Holger Grimm den Betrieb von seinem Vaters übernehmen konnte, war es für ihn ein steiniger Weg, da er sich nach seiner Steinmetzlehre erstmal für die Kunst entschied und 1991 in einer Ateliergemeinschaft mit Thomas Duttenhoefer erste und gute Erfahrungen machte. Ein Studium der Bildenden Kunst, Plastik und Bildhauerei an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz schloss sich an.  Mit Arbeiten in Ton und Betongüssen versuchte er sich vom Stein zu befreien. Die ersten Arbeiten erinnerten in der Form noch sehr an Steinobjekte. Am Beton reizte ihn das Spröde, Herbe. In Kombination mit eingearbeiteten Eisenbändern arbeitete er Kontraste unterschiedlicher Oberflächen heraus.  Später widmete er sich dem Thema Mensch, mit Köpfen und Stelen.   

Bei der Porträtplastik entdeckte er filigrane Gestaltungsmöglichkeiten der Oberfläche. Ton barg für ihn die Gefahr, sich spielerisch im Detail zu verzetteln. Die Erfahrungen mit der frei aufbauenden Arbeit eines Plastikers, die sich so grundsätzlich vom Vorgehen des Bildhauers unterscheidet, der von einem Block wegnimmt, gab ihm plötzlich die Freiheit, sich auf neue Weise wieder dem Stein zu widmen. Das Experimentieren während des Studiums war für ihn sehr wichtig. Er habe das Handwerk erstmal weit hinter sich gelassen und weiß jetzt, wie er den Stein ansprechen muss. Immer noch spielt die Behandlung der Oberfläche eine große Rolle; durch Schleifen bekommt sie unterschiedliche Farbtöne. Grimm spielt zudem mit der Patina jahrelang gelagerter Materialien. Seine Bearbeitung ist grob, die  Formen sind streng und klar, dennoch entstehen faszinierend poetische und in der Form äußerst reduzierte abstrakte Objekte. Granit liebt er besonders — ein Material mit Geschichte. Trotz seiner Endlichkeit scheint es geeignet, Zeit zu konservieren.  Mit dem Presslufthammer entstehen Bohrlöcher, die er genauso auch stehen lässt. Er verwendet Eisenkeile zum Aufsprengen, und mit der Säge und der Flex wird weitergearbeitet. Genüsslich spürt Holger Grimm den Widerstand, die Borstigkeit harten Materials, besonders beim scharfkantigen Granit: Er knirscht und sträubt sich – und gibt dann doch nach. Behutsam fügt er die Teile wieder zusammen, die äußere Form bleibt gewahrt. Er hat Material aus dem Inneren herausgenommen, man ahnt es und wagt Blicke durch stehen gelassene Öffnungen: Die Neugier ist geweckt, und man will wissen, was passiert.  Schöne Beispiele dafür waren in einer großen Kunstaktion in Worms im Sommer zu sehen. Als „Blickachse“ stellte er drei Meter hohe Stelen auf, die in der Mitte unterschiedliche Durchbrüche aufwiesen. Drei Meter ist auch die technische Grenze für im Steinbruch geschnittene Blöcke, die dann bis zu 20 Tonnen wiegen können.

„Kunst und Handwerk, Grabmale  und Steinmetzarbeiten“, so steht es auf Holger Grimms Visitenkarte. Er  hat mit seiner Arbeit eine Balance zwischen der Pflicht und der Kür gefunden. Gerade in letzter Zeit fließt seine Kunst in die Gestaltung der Grabmale mit ein. Im letzten Jahr blieb ihm Zeit für drei Arbeiten im Öffentlichen Raum: die Betonstele im Kreisel in der Speyerer Auestraße, eine Arbeit für das Fötenbestattungsfeld auf dem Speyerer Friedhof und die nicht his- torisierende Floriansfigur aus Sandstein, die zum Feuerwehrjubiläum in  Schifferstadt aufgestellt wurde.

Soviel Zeit für die Kunst wird bei dem Bildhauer in diesem Jahr nicht übrig bleiben, unter anderem auch, weil die Vorbereitungen zu verschiedenen Jubiläumsveranstaltungen des Speyerer Künstlerbundes – er besteht zwanzig Jahre – angelaufen sind, dessen zweiter Vorsitzender  Holger Grimm ist.

Holger Grimm im Kunstverein Germersheim
Fotos © Anja Eustachi, Hockenheim

Holger Grimm bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Handwerk, wobei sich beide Aspekte gegenseitig beeinflussen und inspirieren.